Abenteuer Sibirien, 3. Etappe Perm – Novosibirsk – Taischet

Der Zug ab Perm geht 0:23 Uhr (Moskauer Zeit 22:23 Uhr, wir sind also schon 3 Stunden früher dran als zu Hause). Es ist Zug Nr. 68 auf der Strecke Moskau – Abakan. Man sagt, dass mit steigender Zugnummer auch die Qualität abnimmt, so ist es denn auch. Es gibt keine Biotoiletten mehr und die Toiletten werden durch den Zugbegleiter jeweils eine halbe Stunde vor der Haltestelle zu- und eine halbe Stunde nach der Haltestelle wieder aufgeschlossen. Da muss man schon genau planen und den Fahrplan kennen, besonders wenn man älter und alles schwieriger zu handhaben ist. Die Waschbecken erscheinen auch kleiner und das Besondere ist, dass das Wasser über einen Stift am Auslaufhahn zu regulieren ist, nicht über die Drehknöpfe. Also entweder Stift halten mit einer Hand und Wasser läuft raus oder eben kein Wasser. Etwas kompliziert. Andere Länder andere Sitten.
Diesmal ist es der längste Abschnitt unserer Fahrt. Die halbe Nacht, der ganze Tag und noch eine Nacht. Wir haben uns gut in Perm mit Lebensmitteln versorgt und sind den ganzen Tag bei bester Laune. Draußen fliegen die Birkenwälder vorbei, überall Wasser und Sumpf. Viele Birken sterben im Wasser. Es sieht aus wie ein Birkenfriedhof.

Die Birkenfriedhöfe und Birkenhaine werden durch kleine Häuschen unterbrochen. Die Dörfer ziehen sich direkt an der Bahnlinie entlang. Die meisten Häuser sind aus Holz und wohl schon sehr alt. Man könnte meinen, sie wären durch die Arbeiter errichtet, die die Eisenbahn bauten. Da war der Weg zum nächsten Streckenabschnitt nicht so weit. Die Phantasie schlägt Purzelbäume, wie es so war, damals. Viele Häuser verfallen. Wer will schon in Sibirien leben, wenn es von Oktober bis April schneit und -40°C gibt?

Es kommen kleine und größere Haltestellen: Wir fahren durch Jekaterinburg im Ural, benannt nach der Zarin Katharina I., der Frau Peters des Großen. Dann kommt Tjumen und Erinnerungen werden wach an die Zeit, als ich in diesem Gebiet in den Studentenbrigaden gearbeitet habe. Das Gebiet Tjumen gehört zu den reichsten Russlands aufgrund der Erdöl- und Erdgasvorkommen. Weiter geht es nach Omsk, der Millionenstadt am Zusammenfluss von Irtysch und Om. In der Wirtschaftskraft liegt Omsk gleich hinter Moskau, St. Petersburg und Jekaterinburg.

Tjumen, der Halt mit Erinnerung
Der Bahnhof in Omsk

An den Haltestellen können wir gern mal aussteigen, um den Bahnsteig zu besichtigen oder etwas an den kleinen Kiosken zu kaufen. Ein richtiges Plombier, das typische Eis, soll es immer sein. Oder vielleicht doch lieber Eskimo-Eis in der Schokoladenhülle für 150 Rubel? Die Zugbegleiter geben rechtzeitig bekannt, wann wir wieder einsteigen sollen.
…und wieder ein Halt…, die Zugbegleiter warten schon.

So verleben wir einen entspannten Zugtag und kommen am nächsten Morgen um 6:00 Uhr (Moskauer Zeit 2:00 Uhr) in Novosibirsk an. Dieser Halt ist im Prinzip nur wegen des Umsteigens in einen anderen Zug notwendig. Novosibirsk ist die drittgrößte Stadt Russlands und die größte in Sibirien mit über 1,5 Mio. Einwohnern. Die Stadt liegt am Fluss Ob, der dort teilweise fast einen Kilometer breit ist, und wo eine Brücke für die Transsibirische Eisenbahn den Fluss quert. Diese Brücke hat dazu geführt, dass sich der kleine Ort zu einem mächtigen Industrie- und Wissenschaftsstandort entwickelt hat.
Wir geben unser Gepäck am Bahnhof ab, der Anfang des 20. Jahrhundert erbaut, einer der größten seiner Art in Russland ist. Bis mittags haben wir Zeit, ein Café zu besuchen und die Stadt ein wenig anzusehen.
Unser nächster Zug fährt ab Novosibirsk um 12:32 Uhr (Moskauer Zeit 8:32 Uhr). Es ist Zug Nr. 44 auf der Strecke Moskau – Chabarowsk. Die Zugnummer ist zwar niedriger, aber der Qualitätsstandard ist auch am niedrigsten. Das Abteil ist noch nicht aufgeräumt und schmutzig, die Gäste sind wohl gerade ausgestiegen. Das Schlimmste ist jedoch der Halt in Krasnoyarsk in der Nacht. Ich möchte gern die Toilette benutzten, aber sie ist verschlossen, der Zug steht 40 Minuten. Schlechte Planung.
Wir sind in Taischet um 04:03 Moskauer Zeit mit nur drei Minuten Halt, bedeutet – aussteigen für acht Personen an einer Tür mit Gepäck in drei Minuten. Obwohl wir unsere Gepäckstücke bereits vorher genau neben die Tür gestellt haben, an der wir laut Zugbegleiterin aussteigen können, geht alles schief. Es ist die andere Tür, an der der Bahnsteig endet. Die Zugbegleiterin schließt daraufhin die Türen rechts und links auf und bedeutete uns, auf beiden Seiten auszusteigen und das Gepäck irgendwie hinunter zuwerfen. Fazit: Zwei Personen mit vier Koffern stehen auf dem geschotterten Zwischenraum zwischen den Gleisen, die anderen stehen auf der anderen Seite auch mit Gepäck und dazwischen der Zug. Wir können nur froh sein, dass kein weiterer Zug eingefahren ist und es nicht zur Katastrophe kam.