Abenteuer Sibirien – In Perm

Am nächsten Tag fahren wir mit einem Begleiter in einem Van in das Arbeitslager (Gulag) Perm-36. Auf dem Weg queren wir nördlich von Perm den Fluss Chusovaja, der in die Kama fließt. Die Chusovaja ist der einzige Fluß, der durch die zwei Erdteile Europa und Asien fließt. Er nimmt seinen Lauf im östlichen Ural, quert das Gebirge und endet im westlichen Ural. Im 16. Jahrhundert wurden durch den Zaren viele Ländereien an der Kama und ihren Zuflüssen Kaufmannsfamilien überlassen, beispielsweise der Stroganow-Dynastie, die der russischen Expansion nach Sibirien erheblichen Vorschub leistete. Der Kosakenführer Jermak Timofejewitsch begann von hier aus über den Fluss Chusovaja die Eroberung Sibiriens. Inzwischen ist dieser Fluss mit seinen Naturschönheiten Anziehungspunkt für vielen Touristen geworden.

Ferienhäuser am Fluss Chusovaja

Nach knapp 120 km erreichen wir das ehemalige Arbeitslager, das heute Gedenkstätte der Geschichte politischer Repressionen ist.
Im Lager Perm-36

Ein sehr engagierter junger Mann erzählt uns ausführlich über die Zeiten der Repressionen, beginnend mit den 1930-er Jahren bis 1992, und über die Entwicklungsstufen des Lagers. Zunächst wurde hier ab 1932 basierend auf den stalinistischen Säuberungen eine Arbeitsarmee mit ca. 1.000 Insassen in vier Baracken geschaffen. Das Lager wurde für Holzfällerarbeiten gegründet und das Holz auf dem Fluss über große Entfernungen geflößt. Es gab später auch Werkstätten, z. B. wurden zuletzt Kleinteile für Bügeleisen hergestellt. Nach Stalins Tod begann für das Lager eine neue Zeit. Hier saßen hochrangige Mitglieder staatlicher Organe wie der Polizei und Armee ein, die einst selbst Menschen in die Arbeitslager geschickt hatten. Diese Gefangenen erhielten Sonderrechte, einen Speisesaal, besseres Essen, eine Bibliothek und einen Kinoraum. Für sie wurde sogar eine ganz kurze Birkenallee gepflanzt, um das Gefühl der Freiheit zu vermitteln.
Die Birkenallee im Lager, ansonsten gab es keine Bäume und Sträucher, keine Vögel.

In dieser Zeit wurden die Sicherheitsmassnahmen perfektioniert, zum Schluss bestehend aus einer fünfteiligen Anlage von Zäunen unter Strom, Wänden und Hundelaufbändern. Die dritte Phase des Lagers begann um 1972 und bestand in der Verwahrung von politischen Häftlingen. Hier befanden sich Aktivisten nationaler Unabhängigkeitsbewegungen, Mitglieder der Helsinki-Gruppe u.a. Neben dem Lager des strengen Regimes hatte Perm-36 einen Sektor für das Sonderregime, das für „besonders gefährliche Staatsverbrecher“ geschaffen worden war. Heute können die Räumlichkeiten besichtigt werden, es gibt auch kleine Ausstellungen. Man kann sich selbst ein Bild machen, wieviele Menschen an diesem Ort gestorben sein müssen und was sie ertragen haben, um zu überleben. Es bleiben viele Fragen zum „Warum“ und wir waren dankbar, dass es heute möglich ist, engagiert darüber zu sprechen.
Die äußere Wand des Lagers Perm-36

Am Nachmittag gehen wir in Perm spazieren. Eine große Stadt an der Kama mit fast 1 Mio. Einwohnern. Gegründet 1723 war Perm ein bedeutendes Handelszentrum. Reich geworden ist die Stadt durch den Abbau von Kupfererzen, war Hauptsitz der Uralischen Hüttenindustrie und Zentrum der Schwerindustrie. Am Steilufer der Kama befindet sich eine Uferpromenade, da gehen die Familien noch gemeinsam spazieren, essen Eis und die Kinder spielen.

Blick auf den Fluss Kama in Perm

In der Nacht fährt unser Zug weiter gen Osten.