Abenteuer Sibirien – In Birjusa

Wir werden am Bahnhof in Taischet abgeholt und mit dem Auto geht es etwa 15 km zum Dorf Birjusa am gleichnamigen Fluß. Birjusa ist mit seiner etwa 360-jährigen Geschichte das älteste Dorf im Kreis Taischet. Es befindet sich auf einer Insel im Fluß. Seinen Namen haben Fluß und Dorf in Anlehnung an einen ethnischen Stamm der Tataren, die in diesem Gebiet lebten.

Am Fluss Birjusa, der 1,12 km lang ist und dessen Wasser irgendwann in der Angara ankommt.
Gleichzeitig mit der Ansiedlung von Kosaken in Sibirien kamen in dieses Gebiet auch Verbannte, die an den Bauernaufständen teilgenommen oder sich gegen die Zarenherrschaft erhoben hatten. Durch Birjusa verlief der alte Sibirische Trakt, die alte Heer- und Handelsstraße, die quer durch Sibirien Moskau mit Irkutsk verband. Diesen Weg nahmen auch die Dekabristen. Heute leben in Birjusa etwa 600 Menschen. Das Dorf wurde auch bekannt durch ein Kinderheim, das 1932 für Kinder von Verbannten, die sich in Arbeitslagern befanden, gegründet war. Später lebten hier auch obdachlose Kinder in den Zeiten des Krieges und von Alkoholikern. Seit Ende der 1990-er Jahre war das Kinderheim von Doris Knop,ihrer Familie und vielen Freiwilligen finanziell und materiell unterstützt worden. 2014 wurde das Kinderheim geschlossen, obwohl es noch 30 Kinder gab, und brannte schließlich ab.
Valentina, unsere Gastgeberin, empfängt uns mit Freuden in ihrem Haus. Das Frühstück steht schon bereit. Obwohl ich mir so meine Gedanken gemacht hatte, wo wohl 8 Personen schlafen werden, ist dies überhaupt kein Problem. Alle Zimmer des kleinen Häuschens stehen zur Verfügung und wir nutzen ausklappbare Sessel, Couch und Bett zum Schlafen. Fließend Wasser gibt es nicht, dafür hat das Grundstück zwei Brunnen für das Trink- und Gießwasser. Valentina nutzt inzwischen die Sommerküche zum Leben und Schlafen. Besonders schön ist Valentinas Garten, da muss man kein Gras hauen. Viele Gemüse- und Blumenbeete, Obststräucher, die Pflanztöpfe bemalt und liebevoll arrangiert.
Die Balkonblumen zieht Valentina alle selbst und wie wunderbar sie doch gedeihen.
Man fragt sich, wie man in den wenigen Monaten des Sommers solche kräftigen Pflanzen heranziehen kann, wahrscheinlich mit sehr viel Liebe zur Natur. Der Hof wird von einem großen Hund bewacht, der immer (?) an der Leine liegt.
Das Wohnhaus von Valentina und die Gemüse- und Blumenbeete
Zu Valentinas Anwesen gehört auch die Sommerküche mit der Banja daneben. Hier kann man im Sommer bei großer Hitze wohnen, schlafen und kochen.
… und am Ende des Gartens sind das grüne Toilettenhäuschen und die Dusche mit dem Fass auf dem Dach…Im Winter, wenn beispielsweise 2m Schnee liegen, muß sich Valentina erst den Weg bis zum Toilettenhäuschen frei schaufeln.

Gegen Mittag holt uns die ehemalige Englischlehrerin zu einem Rundgang im Dorf ab. Sie erzählt uns über die Geschichte des Dorfes, über die Zeiten der Sowjetunion, wie es jetzt den Menschen geht, wie der Fortschritt kommt. Uns beeindruckt vor allem, wie trotz aller gesellschaftlicher und sozialer Widrigkeiten, trotz Verbannung, Arbeitslager, Hunger, Krieg und Not, eine kleine Gemeinschaft zusammenhalten kann. Und sie erzählt von den vielen Männern, die die Perestroika aus der Bahn geworfen hat und die sich dann dem Alkohol ergeben haben. So sind die Frauen die wahren Helden, aber sie wären schon dankbar, wenn sie sich einmal kurz anlehnen könnten.
Ein echtes sibirisches Holzhaus aus Zedernholz und Holz der Sibirischen Lärche.
Die bunten Häuser in Birjusa
Die russischen Häuser sind meist blau und grün gestrichen. Blau für den Himmel und Grün für die Natur. Ist doch der Winter lang in Sibirien, so hat man eben die Farben für die Erheiterung der Seele.
Mittagessen und Abendbrot kocht uns Valentina.Es ist stets sehr reichhaltig, mit drei Gängen, wie in Russland üblich. Das Essen ist bodenständig, alle Zutaten kommen aus dem Garten oder von den Nachbarn.
Eine kleine Fachsimpelei darüber, wie man sich mit den Gaben aus dem Garten ziemlich autark ernähren kann. Kühe und Hühner hat Valentina abgeschafft, aus Altersgründen. Aber Fleisch, Milch und Eier kann man im Dorf von den anderen Bewohnern erwerben.
Dann am Abend der Besuch in der Banja, Männer und Frauen getrennt. Zunächst war natürlich eine kleine Instruktion notwendig. Das warme Wasser kommt aus einem riesigen Badeofen, der mit Holz beheizt wird. Ab und zu gießt man Wasser auf den Ofen. Dann kommt ein großer Schwall heißer Luft in den Raum, dass es einen umwirft. Nun macht man sich eine Schüssel mit Wasser, gießt es sich über den Kopf und wäscht sich gründlich, spült alles wieder ab, immer mit der Schüssel, und legt sich dann auf die Liege (so wie in der Sauna). Dann nimmt jemand den Strauß aus Birkenreisig mit den Blättern, feuchtet ihn an und schlägt auf den Rücken, die Beine und die Füße. Es tut weh, aber man hält es aus. Nun noch schnell hinaus unter die Sommerdusche im Garten und das kalte Wasser über den Körper. Ach, ist das eine Lust (wo ist eigentlich meine Sommerdusche in Deutschland??). Als wir aus der Banja kommen sind wir wie neu geboren. Am nächsten Tag wieder ein wunderbares Frühstück und dann rüsten für den Ausflug in die Taiga. Wir können leider keine Bootstour machen, weil die Fische Schonzeit haben zum Laichen. Es geht mit den Autos zunächst am Fluss entlang, dabei machen unsere Begleiter eine Wettfahrt über Stock und Stein, durch Löcher, Wassergruben und über nicht befahrbare Wege. Schließlich finden wir einen Grillplatz direkt am Fluss. Der Tisch und die Bänke stehen für Besucher schon bereit. Braucht man also nur noch das Feuer anmachen und die eingelegten Hühnerbeine auf den Grill legen. Dazu Gemüse aller Art und Kartoffeln vom Spieß. Dann fahren wir hinauf auf den Berg und werfen einen Blick auf die Flusslandschaft, den unendlichen Wald und verinnerlichen das Bild dieses wunderschönen Fleckens Erde.
Blick vom Weissen Berg auf den Fluss Birjusa mit seinen Inseln und Krümmungen
Unsere Begleiter schlagen vor, einen kleinen Spaziergang zu machen. Die Autos werden auf einer Wiese abgestellt, das Gras geht uns bis an das Knie. Auf meine Frage, ob wir die Wanderstiefel brauchen, schaut der Begleiter nur auf seine Füsse und die stecken in Flipflop. Als wir die Autotür aufmachen, fallen die kleinen Mücken schon über uns her. Schnell haben wir die Wanderstiefel an, die langen Hosen und das Moskitonetz über dem Kopf. Mich stechen sie trotzdem mehrfach in die Ohrmuschel, und ich werde tagelang das Jucken verspüren. In Perm hatte uns unser Begleiter erzählt, dass er neulich bei seinem Freund nach einem Spaziergang im Waldpark 32 Zecken abgelesen hat. Das vergessen wir auch nicht. Unser Spaziergang entpuppt sich als ein Aufstieg auf den Weissen Berg (der Name ist vom Marmor) und eine Wanderung durch einen undurchdringlichen Wald. Ich gehe möglichst weit hinten in der Reihe, da sind dann vielleicht keine Zecken mehr im Anmarsch und man weiß auch, wohin man tritt. Es ist sehr warm an diesem Tag und die Anstrengung der Wanderung tun das ihre. An den offenen Stellen des Waldes wachsen Orchideen und Steinbrechgewächse, die gerade ihre Blütenstände schieben. Schließlich erreichen wir ausgepowert die Autos. Wir haben gerade noch zwei Stunden bis zur Abfahrt des Zuges. Das reicht für eine Dusche (das Wasser in der Banja ist noch warm), für das Abendbrot, und dann nehmen wir auch schon Abschied. Vielen Dank für den offenen Einblick in euer Leben, sagen wir. Kommt wieder im Winter, da ist der Fluß zugefroren, wir können angeln und eine deftige Banja nehmen, sagen unsere Gastgeber.

Der Zug fährt 20:45 Ortszeit, also Moskauer Zeit 15:45, man behalte den Überblick. Es ist der Zug Nr. 8, Novosibirsk-Wladiwostok. Wir halten die Hygiene aus, ist ja nur für eine Nacht. Die Technologie des Bettenbeziehens haben wir inzwischen auch gelernt. Einer steigt hoch und schüttelt das bezogene Bett nach unten.

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